Leben in der Zeit von Johann Jakob Herkomer

In diesem Jahr jährt sich der Todestag von Johann Jakob Herkomer, Baumeister, Stuckateur und Maler, dem berühmtesten Sohn der Gemeinde, zum 300. Mal. Dass das nicht spurlos an der Gemeinde vorübergehen durfte, war klar. Aber wie? Die beste Idee dazu hatten die dritten und vierten Klassen der Grundschule. Eigentlich waren es die Lehrerinnen. Sie ließen die Kinder ins Zeitalter des Barock eintauchen – dem Zeitalter des J.J. Herkomer. Entstanden war daraus eine Ausstellung, die sich sehen lassen konnte.

Eröffnet wurde die Ausstellung Ende Juni. Dazu hatten die Schüler mit ein Theaterstück einstudiert. Premiere war am Tag der Ausstellungs-Eröffnung. Lampenfieber herrschte unter den Grundschülern der dritten und vierten Klassen, als sie zu ihrem ersten Auftritt die Abkürzung von der Schule zum Dorfmuseum nahmen. Schließlich hatten sie sich fast ein Jahr auf den nun bevorstehenden Auftritt vorbereitet. Von ihren Lehrerinnen unterstützt, schlüpften sie in ihre Kostüme, ließen sich die Spitzen ans Shirt heften und noch schnell die Haare richten.

Überrascht wurden die ersten Besucher schon beim Eintritt ins Dorfmuseum. Neben einem à la Andy-Warhol-Bild, bestehend aus 27 Portrait-Bildern von J.J. Herkomer, das die Schüler gemeinsam gemalt hatten, geleiteten goldene Muscheln den Besucher auf jeder Stufe hinauf in die Ausstellung im ersten Stock. Muscheln hingen auch dort wie Mobilé von der Decke, diesmal nicht in Gold, vielmehr als Rätsel über den Barockmeister. Wer wollte, konnte sein Wissen mit Fragen wie „Wie hieß Herkomers Frau?“ testen oder auffrischen.

Wieso eigentlich Muscheln? Frei übersetzt heißt Barock soviel wie „Muschel“, klärte Klassenlehrerin Susanne Hassold auf. Ursprünglich komme der Begriff aus dem Portugiesischen. „Barocco“, das bedeute schief, bizarr oder unregelmäßig. Die Kunst des Barock sei geprägt gewesen vom Aufbrechen starrer, fester Formen. Aber nicht nur das haben die Kinder in der Vorbereitung zur Ausstellung gelernt.

Wie lebten die Menschen im 17. und 18. Jahrhundert? Die Reichen bei Hofe wohl üppig, weshalb eine festlich gedeckte Tafel im Museum aufgestellt war. Aber auch die ländliche Frau wurde mit Stellwänden dargestellt. Nicht zu vergessen die gefährlichen Plagegeister, die in dieser Epoche breit gemacht hatten und durchaus tödliche Krankheiten übertrugen. Diese hingen gezeichnet an den Wänden: Bettwanzen, Flöhe und Läuse. Nicht zu vergessen: die Ratte, über die der Museumsbesucher an so mancher Ecke stolperte. Keine Angst, sie war aus Papp-Machée (ein französischer Ausdruck für getrockneten Matsch aus Papier und Leim).

Ja, die Französische Sprache, der hatten sich die Schüler auch im Laufe des letzten Schuljahres gestellt, war sie doch an so manchem europäischen Köngishof Pflichtsprache. Unter dem Einfluss von Frankreichs Sonnenkönig, Louis XIV., der nach dem endlich beendeten 30-Jährigen Krieg der mächtigste seiner Zeit gewesen sein soll, sei somit die Französische Sprache auch ins Deutsche eingezogen. Den Kindern machte das Sammeln französischer Begriffe, die noch heute verwendet werden, riesigen Spaß. Festgehalten wurden sie auf einer Wandtafel im Museum.

Und nicht zu vergessen die Mode! In der Zeit Herkomers trugen die adligen Damen und Herren bei Hofe pompöse (wieder französisch) Gewänder und Kleider. In solchen Kostümen, die die Schule vom Ulmer Theater – nicht nur für die Aufführungen in der Ausstellung – gekauft hatte, spielten die Grundschüler einen von Susanne Hassold (Klassenlehrerin) geschriebenen Tagesablauf dreier Ehepaare.

Ein dargestelltes Ehepaar sprach ausgiebigst mit französischen Begriffen, ein zweites den gleichen Text in bestem Deutsch, während das dritte Paar – übrigens das am prächtigsten gekleidete – ihren Alltag in tiefstem Allgäuerisch spielte. Dass dabei vor allem „die beiden Allgäuer“ die Lacher auf ihrer Seite hatten, lag nicht zuletzt am Allgäuer Charakter, der mit dem Dialekt deutlich untermauert wurde:

Szene 1 :
Die elegante Madame Parapluie (Regenschirm) schreitet mit beigen Pantoffeln über das Parkett, setzt sich zur Toilette (Waschtisch), ein Spiegel wird ihr gereicht. Sie schaut hinein und ruft: „Mon Dieu, quelle catastrophe!“.

Kommentiert wird das von einer Schülerin, die das Folgende erklärt: „Madame frisiert sich, pudert ihr Dekolleté, bis ihr Teint weiß erscheint.“

Szene 1a:
Die modische Frau Regenschirm schreitet mit hellbraunen Hausschuhen ohne Ferse über den Holzfußboden, setzt sich an den Waschtisch, auch ihr wird ein Spiegel gereicht: „Du lieber Himmel!“

Kommentiert wurde weiter: „Die Frau kämmt sich das Haar, bestäubt den tiefen Halsausschnitt, bis die Farbe ihres Gesichtes weiß erscheint.“

Szene 1b wurde so erzählt und kommentiert:
„Die schea hergrichtete Frau Regadach loft über´dr Holzfuaßboda, Sie hockt no und hot hellbraune Batsche o.“ und „Dia Frau kämmt d´Hoor und duat a haufa Schminke noa und isch recht aufgmiezelt.“

Die Schüler spielten nebeneinander den gesamten Tagesablauf aller Paare, bis hin zu einer abendlichen Kutschfahrt auf dem Weg zum Diner, zu dem sie eingeladen waren. Die Kutschen wurden von zwei Schülerinnen mit je einem Steckenpferd dargestellt, die Allee, durch sie fuhren, simulierten Schüler mit selbst gemalten und gebastelten Bäumen aus Pappe. Die lange Fahrt nach Versailles wurden mit Gesprächen, was es beim Diner wohl zu essen gäbe, verkürzt:

Französisches Ehepaar: „Ich glaube, Fisch mit delikater Mayonnaise, Omelette mit Creme fraiche und Gelee – und als Dessert ein flambiertes Soufflé“

Deutsches Ehepaar: „Ich glaube, Fisch mit leckerer kalter Tunke aus Eigelb und Öl, einen Pfannkuchen mit Sahne und eingekochtem und gezuckertem Fruchtsaft – und zum Nachtisch angezündeten Eierauflauf“

Allgäuer Ehepaar: „I moin, a Gmiassuppe, Flädle mit Marmelad und Holdermuas.“

Allein schon die Idee zu einer solchen Aufführung verdient großes Lob, in das aber die kleinen Schauspieler und Bühnengestalter unbedingt einbezogen werden müssen.

Die Feiern bei Hofe waren ja legendär. Dazu gehörte auch das Tanzen in den majestätischen Sälen. Acht Buben und Mädels tanzten den damals angesagtesten Hof-Tanz – das Menuett – mit ungestümer Grazie, allerdings zu Mozarts Klängen. „Das geht schon noch“, lächelte Klassenlehrerin Susanne Hassold, habe Mozart doch im Spät-Barock gelebt. Eingeübt hatten die Schüler das Menuett mit ihrer Lehrerin Ingrid Wittek.

Weil man Johann Sebastian Bach in der barocken Zeit nicht vergessen durfte, eröffneten die Schüler die Ausstellung/Aufführung mit zwei Musikstücken des nicht ganz einfachen Komponisten. Das muss ihnen erst einmal einer nachmachen: auf Schul-Instrumenten wie Triangel, Tamburin und Keyboard, interpretierten sie gemeinsam mit Musiklehrerin Susanne Kotte den barocken Meister-Komponisten. Damit gelang ihnen ein kleines Meisterwerk.

Und weil Basteln immer schon so viel Spaß gemacht hat, versuchten sich die Schüler erfolgreich auch im Fach des Baumeisters und Stuckateurs J.J. Herkomer, der am 3. Juli 1652 im heutigen Roßhaupter Ortsteil Sameister als Sohn des Gastwirts und Betreibers der fürstlichen Poststation derer von Thurn und Taxis geboren wurde.

Das Ergebnis, Bilderrahmen im barocken Stil, schmückte eine Wand im Museum, selbstverständlich mit den Portraits aller Schüler und Schülerinnen. Nicht wie Herkomer mit Gips hatten die kleinen Künstler gearbeitet, vielmehr verzierten sie ihre Rahmen mit Nudeln in Schnecken und Schleifenformen und überzogen sie mit goldener Farbe. Wenn das Herkomer damals schon gewusst hätte! Nachmachen durften das die Zweitklässler als erste Besucher der Ausstellung.

Sehr gelungen auch der „Johann Jakob Herkomer-Raum“ hinter dem Treppenhaus. Dort stand ein Modell der Grabes-Kapelle der Familie in Sameister. Skizzen, die Herkomer für die Kapelle entworfen hatte, hingen hinter Glas. Er selbst war mit seinem Portrait in einer geöffneten Muschel präsent – das bekannteste des barocken Genies.

Auch ein Bild des Künstlers auf dem Sterbebett war ausgestellt, was einen kleinen Jungen zur Frage animierte, was denn „das für Leinen an den Händen“ seien, mit denen Herkomer ein Kruzifix hielt. Die Frage konnte durch eine anwesende Mutter beantwortet werden.

Ansonsten führten durch den Raum und durch das Leben und Wirken Herkomers Melanie Miller (9) oder Lorena Schmid (10) mit viel Wissen und freundlichem Selbstbewusstsein. Zusätzliche Fragen beantworteten beide gern.

 

 

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