Der Skilift: eine Seeger Pioniertat

Beitragsbild-kleinSchon lange hatte ich mir vorgenommen, von einem besonderen Ort im Südlichen Allgäu zu erzählen. Einer Institution in Seeg, die mir, wie vielen anderen Seegern, am Herzen liegt – und zwar von unserem Skilift. Für einen Außenstehenden hört sich das vielleicht erst einmal nicht nach etwas Spektakulärem an. Und manch einer wird sagen: Skilifte gibt’s doch überall – und noch viel interessantere als der in Seeg. Aber: Wussten Sie, dass der Skilift in Seeg eine echte technische Pionierleistung in unserer Region ist?

Angefangen hat eigentlich alles 1952. Ab da sind die jungen Kerle aus Seeg zum Skifahren an den „Seegar Bichl“ gekommen. Um in den Genuss des Runterfahrens zu kommen, musste man damals erst einmal zu Fuß den Berg hochlaufen, mit den Skiern auf den Schultern.

Spuren des Aufstiegs.

Spuren des Aufstiegs.

Die Ski selbst waren oftmals noch handgemacht, vielleicht sogar Fassdauben ;-), gebogene Holzbohlen, aus denen Fässer gefertigt wurden. An sie erinnert, wenn die Schneelage stimmt, unser Skiclub mit seinem Fassdaubenrennen.

Der Seeger Fassdaubenlauf.

Der Seeger Fassdaubenlauf.

Die Skier waren jedenfalls längst noch nicht so ausgefeilt wie heute – aber  Hauptsache Skifahren. Manchmal haben sie sich auch mit Seilen, die an einem Traktor befestigt waren, hochfahren lassen, wird erzählt. Verrückt. Aber es hat funktioniert und war halt schon etwas bequemer…

Unter diesen jungen Wilden waren auch drei Männer namens Fredl Nehmer und Peter Schweiger aus Seeg und Franz Wiesner aus Marktoberdorf, ein Freund und Arbeitskollege von Nehmer. Beide arbeiteten bei der Firma Fendt im Traktorenwerk.

Für die Ewigkeit gezimmert? Die Seeger Skilift-Talstation.

Für die Ewigkeit gezimmert? Die Seeger Skilift-Talstation.

Die Idee, einen eigenen Lift am Seeger Hang zu bauen, war immer wieder im Gespräch. Federführend hier war Fredl Nehmer. Um sich „Inspirationen“ zu holen, sind die drei Freunde „weiß Gott wo“ herumgefahren und haben sich Lifte angeschaut. Bis nach Davos in die Schweiz und Seefeld in Österreich sind sie gekommen. Aber, so hat mir Peter Schweiger erzählt, „nix gscheit’s“ sei‘s gewesen, was sie da so gesehen haben. Ursprünglich wollte man in Seeg einen ganz normalen Schlepplift bauen, was aber aufgrund der Stromversorgung mit Hochspannungsseilen nicht möglich war.

Deri Skilift Marke Eigenbau.

Skilift Marke Eigenbau.

Also musste ein Eigenbau her. Nach langem Hin und Her entstand ein Tellerlift…

...mit sechs Tellern nebeneinander...

…mit sechs Tellern nebeneinander,…

…damit genug Leute gleichzeitig hochgefahren werden konnten. Den Plan dazu entwarf Franz Wiesner, ein gelernter Ingenieur, was das Ganze erleichterte. Mit dem Konstruktionsplan in der Hand und zwei Monteuren im Schlepptau gingen die Skiliftpioniere zum damaligen Schlosser in Rennbothen bei Seeg, Johann Dorn, um den Bau eines Skilifts in Angriff zu nehmen.

Ein technisches Detail, das damals ausgetüftelt wurde und bis heute funktioniert.

Die technischen Detail, die damals ausgetüftelt wurden, funktionieren bis heute.

Viele lange Abende saßen sie nach der Arbeit dort, sie werkelten, schweißten und montierten – bis es endlich soweit war. Vom TÜV abgenommen, nigelnagelneu, wurde er aufgestellt, der Seeger Skilift – so, wie er heute noch dasteht!

Sogar die Pistenwalze war eine ganz besondere.

Sogar die Pistenwalze war eine ganz besondere.

Einzigartig ist seine Bauart mit sechs Tellern nebeneinander, die über eine Querstange am Seil befestigt sind. Anfangs waren die Stangen aus Bambus,…

So sah das früher aus mit Bambusstange.

So sah das früher aus mit Bambusstange.

…mittlerweile wurden sie durch Aluminium ersetzt. Stabiler, aber genauso leicht, denn zu schwer dürfen sie nicht sein, damit 300 Personen pro Stunde hinauftransportiert werden können.

Personentransport im Minuntentakt an der Alustange.

Personentransport im Minuntentakt an der Alustange.

Außerdem ist er schnell, sehr schnell, der Seeger Lift, nämlich fünf Meter pro Sekunde! Deshalb ist allein schon die Fahrt mit dem Lift ein Erlebnis!

Liftfahren in Seeg genießen!

Liftfahren ist in Seeg ein Erlebnis für Klein und Groß…

...und auch ganz allein.

…und auch ganz allein.

Der Seeger Berg selbst ist nicht sehr lang – nur 300 Meter. Aber die haben es in sich!

Auf der kurzen, aber anspruchsvollen Piste.

Auf der kurzen, aber anspruchsvollen Piste.

Den Seeger Kindern, und so habe ich das selbst auch noch in Erinnerung, wurde immer gesagt: „Wenn Du den Lift rauf kommst und danach den Berg wieder runter, dann kannst Du überall fahren.“

Abheben!

Abheben!

Aufpassen...!

Aufpassen…!

Kurve kriegen!

Kurve kriegen!

Cool bleiben!

Cool bleiben!

Ich kann bestätigen: Das war wirklich so, und ich muss oft noch an diesen Satz denken. Außerdem wurde der Skilift ganz hochoffiziell von Pfarrer Anton Glas eingeweiht, an Heilig Drei König im Jahr 1963. Viele Leute waren dabei, wie man auf dem schönen historischen Foto sieht. Peter Schweiger hat es von der Einweihung aufbewahrt und für diesen Beitrag zur Verfügung gestellt.

Die Einweihung des Skilifts am Dreikönigstag 1963 war ein großes Ereignis im Dorf

Die Einweihung des Skilifts am Dreikönigstag 1963 war ein großes Ereignis im Dorf.

Der Seeger Skilift war einer der ersten in unserer Region, eine echte Attraktion! Am Tegelberg in Schwangau und an der Alpspitze in Nesselwang gab es damals noch nichts.  Von überall her kamen die Leute nach Seeg zum Skifahren…

...und hatten am Ausstieg oben diese wunderbare Aussicht in die Berge im Süden.

…und hatten am Ausstieg oben diese wunderbare Aussicht in die Berge im Süden.

Peter Schweiger stand schon in der Früh um 8 Uhr am Lift, um ihn zu bedienen. Auch die Seeger Schüler samt Lehrer kamen gleich in der Früh. Und dann herrschte Hochbetrieb, den ganzen Tag, bis gegen 16, manchmal auch 17 Uhr.

Ski an Ski an Ski an Skischuh: das ist Seeg.

Ski an Ski an Ski an Skischuh: das ist Seeg.

Ich selbst kann mich noch gut erinnern, dass wir oftmals ganz schön Schlange standen, bis wir endlich einen Teller zwischen die Beine bekamen. Und auf meinem Heimweg nach der Schule hatte ich jedes Mal einen kurzen Ausblick auf den Lift, von wo ich schauen konnte, ob er schon lief.

Der Lift läuft - und lockt...!

Der Lift läuft – und lockt…!

Wenn ich die Stangen mit den Tellern in der Luft bergab fahren sah, dann konnte ich es nicht erwarten, nachmittags endlich selbst Ski zu fahren. Die leidlichen Hausaufgaben blieben da manchmal auch erst einmal liegen.

Der Berg rief uns alle...!

Der Berg rief uns alle…!

Vermutlich auch bei unseren zwei Seeger „Skiheldinnen“, den einstigen Weltklasse-Skirennfahrerinnen Irene und Mariele Epple, die ebenfalls an diesem Hang begonnen hatten, der gleich hinter Ihrem Elternhaus lag.

Legendär.

Legendär.

Ein besonderer Treffpunkt war auch die Skibar: Wenn es recht kalt war oder geschneit hatte – denn gefahren sind wir bei jedem Wetter – gab es nichts Schöneres, in der Skibar ein legendäres „Skiwasser“ zu trinken. Das war eigentlich nichts Besonderes – Himbeersirup mit heißem Wasser. Aber für uns war das damals einfach der Hit! Die Sache war nur, dass es gar nicht immer so leicht war, einen Platz zu finden. So voll war die Skibar immer, wenn sie geöffnet hatte.

Tageslicht reichte nicht mehr, Flutlicht war "in".

Tageslicht reichte nicht mehr, Flutlicht war „in“…

Eine weitere technische Besonderheit hielt dann Anfang der 1970er-Jahre Einzug – Flutlicht! Wieder war Seeg hier ein Vorreiter im Allgäu…

...und bis heute kann man in Seeg bei Flutlicht fahren.

…und bis heute kann man in Seeg bei Flutlicht fahren.

Zwei Mal in der Woche konnten wir nun auch nachts Skifahren. Was war das für eine Gaudi! Die nächsten Flutlichtanlagen befanden sich in Unterammergau im Oberbayerischen und in Maierhöfen im Westallgäu, also doch einiges entfernt, so dass auch hier wieder viele Skifahrer aus der Umgebung nach Seeg kamen. Übrigens standen auch zwei Sprungschanzen gleich neben dem Lift, die mittlerweile nicht mehr existieren.

Gute Flugnoten an der einstigen Sprungschanze in Seeg.

Gute Flugnoten an der einstigen Sprungschanze in Seeg.

Unten am Fuße des „Seegar Bichls“ hatten sich auch die Eisstockschützen eine Bahn eingerichtet. Die ist inzwischen umgezogen in den Dorfanger.

Von oben am Skilift hat man eine herrliche Aussicht auf die Langlaufloipe.

Von oben am Skilift hat man eine herrliche Aussicht auf die Langlaufloipe an den Seeger Seen.

Seit rund 15 Jahren gehört der Skilift der Gemeinde Seeg. Peter Schweiger, heute 92 Jahre alt, war jahrelang am Lift und hat mit seiner humorvollen Art, die Leute begrüßt und den Berg hinauf transportiert. Mittlerweile hat er diesen Job an Theo Rinderle übergeben.

Theo Rinderle...

Theo Rinderle…

...in Aktion.

…in Aktion.

Und wie schaut es heute aus? Immer noch kann man am Seeger Skilift wirklich Spaß haben.

Seeger Skilift-Spaß I.

Seeger Skilift-Spaß I.

Seeger Skilift-Spaß II.

Seeger Skilift-Spaß II.

Seeger Skilift-Spaß III.

Seeger Skilift-Spaß III.

Seeger Skilift-Spaß IV.

Seeger Skilift-Spaß IV.

Seeger Skilift-Spaß V.

Seeger Skilift-Spaß V.

Es gibt zwar nach wie vor keine elektronischen Tickets mit Sensoren, die automatisch gescannt werden, damit man weitergehen kann. Dafür finden Brettlfans in Seeg einen Hochgeschwindigkeitslift mit Spaßgarantie und einer kurzen, aber anspruchsvollen Piste. Manfred Zinss hat mir für diesen Bericht wieder die vielen schönen Fotos gemacht, damit Ihr sehen könnt, wie es bei uns ausschaut.

Seeger Skilift-Spaß VI.

Seeger Skilift-Spaß VI.

Dafür, dass ich diesen Beitrag schreiben konnte, möchte ich mich ganz besonders bedanken bei Peter Schweiger. Er ist wie unser Lift ebenfalls ein Pionier und Unikat. Seine damaligen Freunde sind leider schon verstorben. So hat mich ganz besonders gefreut, dass sich Peter die Zeit genommen hat, mir von den Anfängen des alpinen Skisports in Seeg zu erzählen. Während ich ihm zugehört habe, konnte ich richtiggehend spüren, wie viel Feuer hinter der Idee für die kalte Jahreszeit steckte. Und mit wie viel Herzblut er und seine Freunde dabei waren. Zum Schluss bleibt mir deshalb nur vorzuschlagen: Schaut doch mal vorbei und testet den Seeger Berg mit seinem wirklich außergewöhnlichen Skilift.

Herzlichst, Ihre
Renate Carré

Nachruf
Leider verstarb Peter Schweiger kurze Zeit später nach diesem Interview. Ich bin sehr froh, dass ich ihn vorher noch getroffen habe – unseren letzten Pionier des Skilifts, ein Allgäuer voller Esprit. Wer hätte sonst noch viel darüber erzählen können.
Das Foto entstand, als Peter beim Besuch unserer französischen Freunde aus St. Laurent im Café Schwaltenweiher für sie Akkordeon gespielt und die Franzosen dazu gesungen haben – und so wird er mir auch in Erinnerung bleiben.

Dieser Eintrag wurde veröffentlicht in Winter und verschlagwortet mit , , , , , , , , , , , , , , von Renate Carré. Permanenter Link zum Eintrag.
Renate Carré

Über Renate Carré

„Mit Leib und Seele Allgäuerin“, fällt mir spontan ein, wenn man mich fragt, wer ich denn sei. Obwohl ich schon viel „umeinandergekommen“ bin, wie man bei uns so schön sagt – der Bezug zur Heimat ist ein ganz besonderer. Ich wohne mit meiner Familie in Seeg, dem Honigdorf im Allgäu. Schon früh hat mich die Dorfgeschichte interessiert, und vor ein paar Jahren habe ich dann die Gelegenheit genutzt und eine Ausbildung als „Kulturführerin“ abgeschlossen. Seitdem gebe ich Dorfführungen für interessierte Gäste und Einheimische, und auch im Burgenmuseum in Reutte/Tirol oder auf Burg Ehrenberg bin ich aktiv dabei. Ich bin in der Vorstandschaft vom Tourismusverein Seeg sowie im Bürgerforum Seeg und arbeite ehrenamtlich in der Pfarr- und Gemeindebücherei. Wenn es darum geht, Leute fürs Allgäu zu begeistern, bin ich immer dafür zu haben. Auch durch meine Mitarbeit hier in diesem Blog.

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5 Gedanken zu “Der Skilift: eine Seeger Pioniertat

  1. Genaus so war’s / ist es!
    Auch ich hab am Seeger Berg das Skifahren gelernt. Wen jemand zu mir gesagt hätte, schreib auf wie es dort war – …genau so wie es Renate geschrieben hat. Skiwasser legendär!

  2. Das hast Du ja wirklich sehr treffend beschrieben. Die tollen Bilder von Manfred Zinss sind noch das „Tüpfelchen auf dem I“.
    Schön auch die alten Bilder, die man ja eigentlich gar nicht kennt.
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  3. Das ist wirklich großartig!!! Und wertvoll!!!
    Hoffentlich kommt der Schnee auch in den nächsten Jahren wieder etwas reichlicher, damit noch viele die Gelegenheit haben, unseren ganz speziellen Skilift in Seeg kennenzulernen.

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